Dialoge 2026 / Dialog 1
Dazwischen eine Welt


Ausstellung
Auf den ersten Blick könnten die gezeigten Arbeiten unterschiedlicher kaum sein. Irene Hardjanegara entwickelt großformatige Zeichnungen in Tusche auf Papier aus einem rigorosen Prozess, der zwischen akribischem Regelwerk und zugelassener Unvorhersehbarkeit pendelt: zwischen Kontrolle und Intuition, Bewusstsein und Unterbewusstsein, Perfektion und Zufall. Es entstehen minimalistische Kompositionen, die im Entstehungsprozess eine komplexe Eigendynamik entfalten, von intimen Formaten bis zu Dimensionen, die die Spannweite ihres Körpers einfordern oder deutlich übersteigen. In Werken wie Structure and Dynamics of Large Scale Cascading Failure verdichten sich tausende einzelne Linien zu Farbfeldern und Bewegungen, die zugleich geologisch und atmosphärisch wirken: Oberflächen, die atmen, sich verschieben und sich einer endgültigen Lesart entziehen.
Hartmut Wirks nähert sich der gebauten Umwelt als Bühne, auf der sich menschliches Leben abspielt und wieder zurückzieht. In seinen Fotografien werden Architekturen zu Orten, an denen das Zweckgebundene unerwartete Bedeutung gewinnt und das scheinbar Zufällige auf grundlegende Bedingungen menschlicher Existenz verweist. Ein Baumstamm, der das Dach eines modernistischen Pavillons durchstößt; ein gläserner Speer, im Raum aufgehängt; ein zerstörtes Interieur, das eine Küstenlandschaft wie ein Gemälde rahmt. Wirks sucht das Beständige im Vergänglichen und macht die Spannung zwischen Konstruktion und Verfall, Schutz und Ausgesetztsein zum Gegenstand genauer Betrachtung.
Im Projektraum Pi (π) verbinden Hardjanegara und Wirks ihre Vorgehensweisen in einer gemeinsamen Installation und begegnen sich an der Schwelle ihrer beiden Arbeitsfelder. Mit Walter Benjamin begreifen sie diese Schwelle nicht als Grenze, sondern als Zone des Übergangs; mit Hannah Arendt als Zwischenraum, in dem menschliches Handeln und Bedeutung möglich werden. Dazwischen eine Welt.
Fakten
- Ausstellung
- 12. Juni – 15. August 2026
- Künstlergespräch
- 19. August 2026, mit Irene Hardjanegara und Hartmut Wirks
- Ort
- Pi (π) Art Project, Lange Straße 31, 1. OG, 60311 Frankfurt am Main
Aufzeichnung des Künstlergesprächs: Video ansehen →
Künstler:innen
Irene Hardjanegara
(*1973, Gorontalo, Indonesien) studierte in Paris, Berlin, Amsterdam und Busan und lebt und arbeitet seit 2014 in Frankfurt am Main. Sie wurde u. a. mit Stipendien der Stiftung Kunstfonds und des Hessischen Ministeriums für Wissenschaft und Kunst sowie dem Förderpreis der Stiftung Frankfurter Sparkasse ausgezeichnet. Jüngste Ausstellungen: The Inconsistency of Memory, Kunstverein Montez, Frankfurt; a place of inbetweenness, Kunstverein Schallstadt. irenehardjanegara.com
Hartmut Wirks
(*1961, Frankfurt am Main) studierte Fotografie und Bildhauerei an der HfG Offenbach und der Willem de Kooning Academie Rotterdam sowie Philosophie an der Universität Heidelberg. Seine Arbeitsfelder umfassen Fotografie, Film und dreidimensionales Gestalten. Arbeitsaufenthalte in New York, Albanien, Japan und Tansania. Lebt und arbeitet in Offenbach am Main.